Europaweite Trendverschiebung bei Schädelhirntraumata Radfahren ist gesund, umweltfreundlich und - lebensgefährlich. Kopfverletzungen nehmen stark zu

Pressemeldung 20.06.2011

 

Fahrradunfälle mit schweren Folgen wie dem Schädelhirntrauma stellen für Unfallchirurgen eine vor allem saisonal zunehmende Herausforderung dar. Innerhalb von 10 Jahren hat sich die Zahl der Fahrradunfälle mit schweren Verletzungen mehr als verdoppelt.

„Dank einer funktionierenden Rettungskette überleben heute nach einem schweren Unfall Menschen, die vor 15-20 Jahren sofort oder nach kurzer Zeit an den Folgen der Verletzungen gestorben wären," erklärt Primaria Dr.Karin Gstaltner vom Rehabilitationszentrum Weißer Hof in Klosterneuburg, NÖ. Das an sich erfreuliche Ergebnis bringt aber auch mit sich, dass diese Patienten wegen der Folgeschäden den langwierigen Prozess einer Rehabilitation und oftmals auch einer lebenslangen Betreuung benötigen. Die Reintegration in das familiäre und berufliche Leben stellt sowohl an die PatientInnen als auch an deren soziales Umfeld eine große Herausforderung dar.

Vom Vierrad zum Zweirad - Zunahme der Freizeitunfälle mit Rad

Dank vieler Errungenschaften innerhalb der Autoindustrie bei den Sicherheitspaketen wie Airbag, Knautschzone etc. hat sich die Häufigkeit von Polytraumen mit Schädelhirntrauma weg von der Straße in Richtung Freizeitverletzungen verschoben. Zugenommen haben hier vor allem die Unfälle beim Sport bei den Zwanzig- bis Fünzigjährigen. Steigende Lebenserwartung und das Bedürfnis nach höherer Lebensqualität verbunden mit einem starken Bewegungsdrang führen bei Unfällen von Straßenradfahrern und Mountainbikern vor allem zu Verletzungen im Kopfbereich. Die Palette der Verletzungen des Gehirns reicht von leichten Gehirnprellungen bis zu schwersten Läsionen wie Substanzverlust des Gehirns begleitet von Lähmungen.

Radhelmpflicht für Kinder bis zum 12. Lebensjahr

Seit dem 1. Juni 2011 müssen jugendliche Radfahrer bis zum 12. Lebensjahr einen Helm tragen. „In den 70er Jahren wurde die Helmpflicht für Motorradfahrer unter einigem Widerstand eingeführt" erinnert sich Univ.-Prof. Dr. Richard Kdolsky. „Angefangen von der ruinierten Frisur bis zum zu teuren Helm wurde damals gegen die Helmpflicht argumentiert!" Der Unfallchirurg begrüßt die Gesetzesnovelle und ist über jedes Kind, das bei einem Radunfall mit glimpflichen Verletzungen davonkommt, zufrieden.

Der typische Verletzte: männlich, 40 Jahre alt, sportlich ehrgeizig

Trotz Tragen von Fahrradhelmen ist der unfreiwillige „Abgang" über die Lenkstange mit einem SHT die häufigste Unfallart beim Mountainbiking. Ein unübersichtliches Gelände, Selbstüberschätzung und abrupte Bremsmanöver zählen zu den meisten Unfallursachen. Zahlenmäßig liegt zwar die Unfallzahl beim Mountainbiken gegenüber den Straßenradfahrern niedriger, die Unfallfolgen fallen jedoch bei den „Downhills" meist schwerwiegender aus.

Sport, Haushalt & Garten als häufige Ursache von SHT

„Wir versorgen pro Jahr zwischen 120 und 130 Schädelhirntraumata, das bedeutet, dass wir jeden dritten Tag mit Verletzungen des Gehirns konfrontiert sind", erzählt Prim. Univ.-Prof. Dr. Karl Ungersböck vom Landeskrankenhaus St. Pölten. Der Neurochirurg beschreibt zwei Hauptrisikogruppen: Die jüngeren Patienten, welche zumeist beim Freizeitsport verunglücken und die Älteren, die über Treppen stürzen oder - jetzt ganz aktuell - beim Kirschenpflücken abstürzen. Kommen hier noch andere Grunderkrankungen mit Medikamenteneinnahme wie z.b. Gerinnungshemmern (marcoumarisierte Patienten) dazu, sind Gehirnblutungen weitere Komplikationsfaktoren.

Im Trend: Optimale Versorgung durch Teleradiologie

„Mit dem neu installierten Teleradiologienetz können rund um die Uhr radiologische Daten zur Befundung an Experten in den anderen Krankenhäusern in ganz Niederösterreich geschickt werden." so Univ.-Prof. Ungersböck. Komplett vernetzt sind die Krankenanstalten der AUVA - hier sind die Befunde österreichweit jederzeit abrufbar. Der elektronische Austausch von Bilddateien ist ein wichtiger und großer Schritt bei der Vernetzung von Patientendaten.

Die neuesten Erfahrungen bei der Behandlung von Polytraumata und Schädelhirntraumata, Indikationen und Zeitpunkt der operativen Interventionen und Rehabilitation, werden Gegenstand am 52. Österreichischen Chirurgenkongress (23. - 25. Juni in Wien) sein.

Fotocredits: Univ.-Prof. Dr. Richard Kdolsky, .Prim.Dr. Karin Gstaltner, Consumed, Univ.-Prof. Dr. Ungersböck

 


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