Interventionelle Herzchirurgie & der Hybrid-OP-Saal. Die Herzklappe funktioniert nicht mehr - was ist zu tun: Trends, Studien zu minimal- invasiven Techniken bei kardiochirurgischen Operationen
Pressemeldung 30.05.2011


Die Lebenserwartung der Menschen nimmt erfreulicherweise ständig zu - leider auch die Erkrankungen des älteren Menschen, wie zum Beispiel bei einem Organ und dessen Strukturen, welche ein Leben lang „in Bewegung" sind - dem Herz und seinen Herzklappen. 
 
 

Chirurgische Eingriffe am Herzen sind im Bewusstsein Betroffener und auch interessierter Beobachter mit spektakulären Operationen und hohen Risiken verbunden. Herzchirurgie wird automatisch mit weit geöffnetem Brustkorb und hohem OP-Risiko verbunden. Zu Unrecht - die Herzchirurgie ist seit Jahrzehnten eine standardisierte und risikoarme Therapie.

 

Die Zunahme der Risikofaktoren wie Alter und das Vorliegen anderer Grunderkrankungen erschweren und verhindern oft zu risikoreiche Eingriffe. Die Einschränkung von Risiken bei operativen Eingriffen ist einer der großen Erfolge der minimalinvasiven Herzchirurgie. Diese Eingriffe werden teils sogar am schlagenden Herzen und ohne Einsatz einer Herz-Lungenmaschine vorgenommen.

 

TAVI - Aortenklappe entfaltet sich wie ein Regenschirm

 

Die Häufigkeit von Herzklappen, die ihre Funktion nicht mehr vollständig erfüllen können, nimmt mit steigendem Lebensalter zu. Weitere, nicht unerhebliche Folgeerscheinungen bis zu lebensbedrohlichen Situationen kommen hier sehr wahrscheinlich und auch rasch auf den meist älteren Patienten zu:

 

In besonders risikoreichen Situationen kann mittels katheterunterstützter Technik über einen Zugang durch die Leistenarterie oder auch die Herzspitze selbst eine Aortenklappenimplantation (TAVI = transcatheter aortic valve implantation) erfolgen. In die degenerierte, nicht mehr funktionsfähige Aortenklappe wird eine Klappenprothese implantiert, welche auf einem Stent fixiert ist und in Aortenposition zur Entfaltung gebracht wird. Die neue Klappe übernimmt die Funktion der alten Klappe, welche einfach zur Seite gedrückt wird. Das heißt, hochgradige Verkalkungen im Klappenbereich bleiben bestehen und sind wohl auch die Ursache für anschließende paravalvuläre Lecks und die Notwendigkeit eines Schrittmachers in ca. 33% der Fälle. Gleichzeitig ist festzuhalten, dass sich das Risiko einen Schlaganfall zu erleiden auf ca. 9-10% erhöht. In großflächig angelegten MR-Studien haben sich Kalkembolisierungen im Gehirn in ca. 74% der Fälle nachweisen lassen.

 

Vorteile von TAVI und anderen katheterunterstützten Eingriffen am Herzen

 
 

„Für multimorbide (=gleichzeitig an vielen Erkrankungen leidende) PatientInnen oder bei einem anderweitig erhöhten Operationsrisiko stellt das Verfahren der interventionellen Eingriffe am Herzen einen möglichen Vorteil dar," sagt Univ.-Prof. Dr. Ludwig Müller von der Univ.-Klinik für Herzchirurgie Innsbruck. Vor allem hochbetagte Patienten jenseits der 80 leiden unter Aortenklappenstenosen. Doch nicht nur TAVI sondern auch andere minimal invasive Klappen-OPs stellen eine wichtige Bereicherung in der Behandlung von Herzklappenerkrankungen dar. „Die Zukunft von Herz-OPs liegt sicher in der Verminderung des Operationstraumas. Dass sich die Patienten nach einem Transkathetereingriff oder nach einer minimal invasiven Herzoperation schneller erholen als nach einem konventionellen Eingriff und die Heilung und Mobilisierung rascher erfolgen, zählt für Prof. Müller zu den Vorteilen von TAVI & Co.

 

Studien & Risiken

 

Laut aktuellen Studien (Partner Studie Cohort A und Cohort B - The New England Journal of Medicine) wird bestätigt, dass inoperable Patienten durch TAVI eine deutlich bessere Prognose haben als mit rein medikamentöser Therapie. Des weiteren zeigte sich, dass es Hochrisikopatienten mit einer interventionellen Therapie (TAVI) gleich gut geht wie nach einem chirurgischen Klappenersatz, was aber wiederum auch den Erfolg des operativen Herzklappenersatzes selbst bei den schwerst kranken Patienten bestätigt, unterstreicht Müller. Langzeitergebnisse zu TAVI liegen derzeit nur eingeschränkt vor, hier wären als Komplikationen vermehrte Schlaganfälle zu nennen. Sogenannte paravalvuläre Lecks (Undichtigkeiten neben der Klappenprothese), die Notwendigkeit von Schrittmacher Implantationen und auch die Haltbarkeit der neuen Bioprothesen (Klappen) sind naturgemäß weder mittelfristig noch langfristig erfasst.

 

Sutureless (nahtlose) Klappenprothesen

 

Parallel zu TAVIs wurden in den letzten Jahren sogenannte „sutureless" Klappenprothesen entwickelt, erste Studienergebnisse liegen vor und erscheinen adäquat, die Klappen kommen jetzt auf den Markt. Der Vorteil liegt in der einfacheren und daher schnelleren Implantationstechnik und daher kürzeren Operationszeit. Sie sollen insbesondere in Verbindung mit minimal invasivem Zugang vorteilhaft sein. Umfangreichere und mittelfristige Ergebnisse gibt es noch nicht. Die Kosten sind zwischen herkömmlichen und Transkatheterklappen und damit sehr hoch.

 

Am Chirurgenkongress wird der Stand der Entwicklung in diesen Techniken in Österreich präsentiert. Österreichische Kliniken haben wesentlich zu den ersten internationalen  Studien zu diesen neuen Technologien beigetragen. Die Ergebnisse werden hier vorgestellt.

 

Der Hybrid-OP - Operationssaal der Zukunft

 

Gleichzeitig stellt sich nun eine neue Herausforderung an die Herzchirurgen und Kardiologen: Eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit und vor allem gleichzeitige Anwesenheit von Herzchirurgen und interventionellen Kardiologen gehören zu den notwendigen Voraussetzungen für Eingriffe dieser Art. In einem fachlich kompetenten Team sind weiters in der Herzchirurgie ausgewiesene Anästhesisten unabdingbar.

 

Die Installierung eines adäquaten Operationssaals hält Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Tscheliessnigg, Leiter der Klin. Abteilungen für Herz- und Transplantationschirurgie der Univ.-Klinik Graz für unerlässlich: „Der multifunktionale Therapieraum wird in Zukunft in der Integration von minimalinvasiver Operation mit hochauflösender Bildgebung in einer sterilen Umgebung bestehen und wird der OP-Saal der Zukunft sein!" Dass interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Kombination mit einem Maximum an Know-How und medizinischem Benefit auch eine Kostenreduktion beinhalten, davon sind die Experten überzeugt.

 
 
 
 

Kasten:

 

Herzklappen arbeiten wie Ventile und regulieren den Transportweg des Blutes zum, im und vom Herz. Wenn diese Klappen entweder unzureichend schließen (sog. Insuffizienz) oder verengt sind (sog. Stenose), kann sowohl die physiologische Flussrichtung verändert als auch der Transport des Blutes negativ beeinflusst werden.

 

Ursachen für defekte, nicht mehr funktionstüchtige Klappen: angeboren oder erworben durch Degeneration und auch Erkrankungen (bakterielle oder Pilzinfektionen) zerstören das Klappengewebe und bedingen einen operativen Ersatz.

 

 

52.Österreichischer Chirurgenkongress: 23.-25 Juni 2011, Messe Wien, Congress Center; www.chirurgenkongress.at

 

Foto Credits:

 

Univ.-Prof. Dr. Ludwig Müller (privat)

 

A. Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Tscheliessnigg (privat)

 

Ewards Sapien Transkatheterklappe (Univ.-Prof. Dr. Ludwig Müller)

 

Hybrid-OP (A. Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Tscheliessnigg)

 

Bio- u- mechanische Klappenprothesen (A. Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Tscheliessnigg)

 

 

 
 
 

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